Musik: Yello Touch

Mit YELLO verhält es sich wie mit einem guten Wein: je älter er wird desto besser.

Die beiden Schweizer Pop-Dinosaurier haben zwar ihren Karriere-Zenit längst überschritten doch ihr neuestes Werk zum 30jährigen Jubiläum ist der Knaller schlechthin. Ein Fest für Gourmets, die die Musik auf der Zunge kosten.

Track 1 und Track 4 gefallen noch im typischen YELLO-Stil: Tanzflächen-kompatibel, Scat-Gesang und ein bisschen crazy. Doch schon im zweiten Stück „You Better Hide“ laden die Herren Blank & Meier in die exquisite Lounge-Area ein. Voilà: Die Überraschung des Albums ist eine Schweizer Chanteuse mit dem ironischen Namen Heidi Happy. Sobald ihre samtige Stimme erklingt entfaltet sich eine herrliche Bar-Soul-Laszivität aus. Wäre das nicht ein herrlicher Kontrast zu den oberflächlichen Schnattergänsen im Radiogerät? Lässig schwebend zieht Heidis Gesang wie ein Ballon über die Schweizer Berge, während unten am Boden Klangmeister Boris Blank mit perkussiven Elementen hinterher gallopiert und niemals die Geschmeidigkeit des edlen Stückes ruiniert. Das ist allerfeinstes Arrangement, davon wimmelt es nur auf diesem Album. Plötzlich, in „Out of Dawn“, lugt die sonore Stimme von Dieter Meier wie aus einem dunklen Nebel vor, eskortiert von einem elektronischem Kammerorchester, fett, kontinuierlich steigernd, wie auf der Flucht in Richtung Stadtmitte … und dann, zwei Tracks weiter … eine Offenbarung für die Götter: „Till Tomorrow“ mit Till Brönner am Flügelhorn. Das Pendel schlägt demenstprechend in Richtung Smooth-Jazz aus: ein Ohrenschmaus. In „Vertical Vision“ oder „Electric Frame“ fasziniert Till auf Trompete mit einer elektrisierenden Spannung: Nächtliche Stimmung im Großstadtdschungel, nicht zuletzt ein Ohrenschmaus weil Boris Blank mal wieder ein atmosphärisches Klanggerüst konstruiert hat. Als hervorragender (wenn auch unterschätzter) Sound-Designer hat Herr Blank sich längst etabliert, umso erfreulicher, dass sein Gesang im Duett mit Heidi Happy oder solo so erfrischend wirkt.

Fazit

YELLO präsentieren ein sensationelles, facettenreiches Album. Meisterlich verknüpfen sie Pop, Dance, Jazz und Electronica mit süffisantem Humor, wohltuenden Klängen und fetten Arrangements. Im finalen Instrumentaltrack „Takla Makan“ entschwinden die Klangkünstler mit Flötistin Dorothe Oberlinger sogar in fremde Sphären. Ist es der Aufbruch nach Pandora? So entrückt hat man YELLO noch nie gehört.

Will Lücken

3 Gedanken zu „Musik: Yello Touch“

  1. Vielen Dank für diesen tollen Musik-Tipp:
    Das ist eine Scheibe, die man wirklich von vorne bis hinten empfehlen kann, höre seit über einer Woche fast ausschliesslich „Touch“ auf meinem Touch 😉

  2. innovativ, intellegent und unnachahmlich – go yello

    Lange haben uns die zwei kauzigen Eidgenossen warten lassen, und nun ist es so, als wäre das Kalkül gewesen. Gerade rechtzeitig zum 30-jährigen Bestehen kommt da ein überaus innovatives und modernes Album daher, dass so manchem Electronica – Nerd die Sprache verschlagen wird. Glasklare Klangpassagen mit intellegenten elektroinschen brush-over Sequenzen und xtra – deepen Bassfeeling. Überaus anregende stimmliche Fertigkeiten der Gastinterpretin Heidi Happy, von der man sicher noch so einiges zu erwarten hat. Und dann die erstaunliche Zusammenarbeit mit einem glänzend aufgelegten Till Brönner, Till Tomorrow ist schon jetzt ein Meilenstein in der Klangmelange von Lounge, Electronica und Nu-Jazz. Ein Beispiel für Innovation ist „Vertical Vision“, wen lässt dieses Stück wohl kalt? Oder ein wenig funky wie auf „part love“, glänzend und aufwühlend, innovativ und völlig neu, ein Hörgenuss erster Klasse mit unglaublicher deep-noir Bassnote und punktgenauer Perkussionstechnik. Der Abschluss mit „Takla Makan“ ist ein geheimnisvoller Mix aus vielen Multi-kulti Klangsequenzen, die in ihrer Art und mit dem technischen Einsatz gut für jede Kiffer-Runde wären, es ist Opium für die Sinne, kalt, elektronisch, metamorphosisch und innovativ und emotional. Ja, dieses Album hat hohen Wiedererkennungswert, aber es wirkt nicht wie aufgesetzt oder als Fortsetzung vergangener Alben, sondern im Stile von Yello, angereichert mit Sound- und Styleelementen aus vielen – für Yello auch neuen – Musikgenres. Ein Muss für den Abend versunken in Gedanken, genauso wie vor einem knisternden Kamin oder als Lounge – Appetizer, ein glänzendes Beispiel, wie sich Musik im 21. Jahrhundert anhören kann. Man könnte von einem gelungenen Comeback sprechen, aber dies wäre ja falsch, weil Yello niemals weg waren. Nun sind sie wieder da, besser denn je. 5 Sterne !

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