Musik: BLISS Quiet Letters (2003)

Ein Jahrhundertalbum … gibt es das? Immer wieder tauchen hier und da die persönlichen Hitlisten passionierter Musikfans auf. Vielleicht ist es an der Zeit, dass auch ich mal meine Favoriten sortiere. Aus meiner Top 20, die sich aus unterschiedlichen Stilrichtungen zusammensetzt, erheben sich wahrlich mehrere unumgängliche Meilensteine. Die dänisch-englisch-nigerianische Formation BLISS mit ihrem Ausnahmealbum „Quiet Letters“ ist einer davon.

In die Kombination aus musikalischer Raffinesse, Zeitlosigkeit und viel Gefühl hatte ich mich im Jahr 2003 verliebt und bin es heute noch. Ist halt Geschmacksache aber diese CD setz ich erstmal auf die Poleposition.
Merkwürdigerweise führt die Platte zunächst auf eine völlig falsche Spur. Man denkt, man ist im falschen Film. Violine, Cello, Akkordeon und eine Weltuntergangsstimmung wie auf der sinkenden Titanic. Das musste wohl damals, bei Veröffentlichung des Albums, vielen oberflächlichen Hörern so auf den Wecker gegangen sein, dass sie gleich ausblendeten. Wohl dem, der tapfer durchhielt, denn ab Track 2 öffnet sich ein Tor in eine Klangwelt von ungeahnter Schönheit und Perfektion. Allein in Dänemark verkaufte sich das Insider-Album schon damals beachtliche 50.000 mal.

Kaum eine Band knüpft so fantastisch warme Klangteppiche wie BLISS, ohne auch nur einen Hauch von Kitsch durchschimmern zu lassen. Gewiss, die Musik ist sehr stimmungsabhängig. Die gläserne Reinheit der Produktion, die Qualität des Gesangs, die Wärme der Arrangements fordern totale Aufmerksamkeit. Vier erstklassige Vokalisten aus den o.g. Ländern, mal solo oder im Duett, erzeugen fast durchgehend Gänsehautstimmung. Die Musik von BLISS fängt da an, wo SADE, MASSIVE ATTACK oder ähnliche Künstler aufhörten. Electronic in Verbindung mit akustischen Instrumenten wie Buschtrommeln, Flügelhorn, Trompete, Akkordeon. Sie pendelt zwischen urbaner Loungemusik mit Dub-Effekten und afrikanischem Tribal-Ethno. Das elfminütige „Manvantara“ zum Beispiel klingt so, als würde man entspannt auf einen fliegenden Teppich über den Wolken schweben, minutenlang, in Richtung Afrika und irgendwann ab der Mitte des Tracks, setzt man zur Landung an, mitten im Dschungel, in einem urigen Dorf, wo um ein loderndes Feuer ein heißer Tanz entfacht. Man wird mitgerissen von einem kontinuierlich wachsenden Rhythmus, der in einem Solo mit Akkordeon gipfelt, und das im tiefsten Busch! Unfassbar, so sympathisch hab ich dieses Instrument noch nie gehört. Der Song dürfte eigentlich erst nach 30 Minuten enden, weil der packende Rhythmus immer heißer wird. Konträr dazu: „Right Here“ oder „Don’t Look Back“. Atmosphärische Balladen von ergreifender Tiefe. Es geht um Flüchtlinge in Afrika. „Only change can happen when you change yourself“ lautet eine Zeile im wundervollen „Breathe“. Oder „Evening Sun“, ein reifes Stück, das man immer und überall hören kann, egal wo. Absolut erwähnenswert: Der göttliche Song „Kissing“. Für mich einer der schönsten Songs, die je geschrieben wurden. Eine Ode an die Freude, wegen seines geschmeidigen Grooves zum Tanzen verlockend.

httpv://www.youtube.com/watch?v=wapYxkV3TDo&feature=related

BLISS macht wahrlich echte Kopfkinomusik. Mich transportiert der Sound auf den Montmartre in Paris, in den tiefsten Dschungel oder in die karge Steppe Afrikas. Wer noch immer eine Platte für die einsame Insel sucht: Hier ist sie.

Will Lücken

Ein Gedanke zu „Musik: BLISS Quiet Letters (2003)“

  1. Lieber Will, ich stimme dir voll zu, die Platte von Bliss ist was ganz besonderes. Habe noch zwei weitere cds von Bliss, die aber nicht an diese rankommen.

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